Wir haben uns über eine Kontaktbörse im Internet kennen gelernt. Ich, ganz neu in der Stadt, suchte nach Freizeitpartnern für Sport, Spiel und Spaß. Sie schrieb mich an, dass sie mein Profil gelesen und festgestellt habe, dass wir in der selben Firma und sogar am selben Standort arbeiten. So ein Zufall. Ich sah mir ihr Profil an und wusste recht schnell: ich wollte sie gern persönlich kennen lernen. Ein paar Tage später schrieb sie mir, dass sie mit zwei Freundinnen zum Essen und anschließenden Tanzengehen verabredet sei und ob ich nicht Lust hätte, mich anzuschließen. Ich hatte. Es wurde ein Abend, den ich wohl nicht so schnell vergessen werde und hätte ich geahnt, was ich mit meiner Zusage bei einer dritten Person auslösen würde, ich wäre zuhause geblieben. Aber der Reihe nach.
Als ich das Restaurant betrat, war mir schon ein wenig mulmig zumute. Was würde mich wohl erwarten? Wie würden die Freundinnen von S. mich aufnehmen? Ich wusste bereits, dass alle drei Frauen transident sind (dass dies für eine der drei nicht so ganz stimmt, bemerkte ich erst ein paar Wochen später) und ich in der Runde die einzige so genannte Biofrau sein würde. Sehr spannend das Ganze. Stefanie begrüßte mich, als wären wir schon seit langem befreundet und so fühlte es sich auch für mich an, so als würden wir uns schon lange kennen. Die anderen beiden waren hingegen sehr zurückhaltend. Das war auch völlig ok für mich. Ich setzte mich neben S. und wir bestellten Essen und Wein und unterhielten uns angeregt über alles mögliche. Smalltalk halt. Mir gegenüber saß Hiltrud, S.s beste Freundin und musterte mich sehr aufmerksam. Dass sie mich bereits zu diesem Zeitpunkt als größte Konkurrentin sah, davon konnte ich nichts wissen.
Nach dem Essen mussten die Mädels sich noch aufhübschen, also fuhren wir zu S. von wo aus Hiltrud zu sich nach Hause ging (sie wohnte gleich um die Ecke), um eine Stunde später wieder zu uns zu stoßen. Als sie zurück kam, traf mich fast der Schlag. Ein pinkfarbenes Bigshirt über schwarzen Glanzleggings und schwarzen Lack-Highheels, dunkelrote Lippenkonturen und neonpinkfarbener Lippenstift zu straßenköterblonder Mireille-Mathieu-Perücke. Das alles an einem Menschen, der etwa 1 Meter 89 (ohne Highheels!) misst, dünne, wadenlose Storchenbeine hat, 68 Jahre alt und mit äußerst männlichen Gesichtszügen gestraft ist. Ich weiß nicht, ob ich mehr erschreckt oder mehr belustigt war, ich glaube, es hielt sich die Waage. Immerhin, egal wo wir hingehen würden, man würde uns nicht vergessen.
Die erste Station war eine Discothek. Wir tanzten, lachten, unterhielten uns, tranken und hatten Spaß. Irgendwann entbrannte dann eine heiße Diskussion zwischen Stefanie und Hiltrud. Worum es genau ging hatte ich nicht mitbekommen, nur soviel, dass S. immer wieder sagte, sie würde aber viel lieber noch ein bisschen bleiben. Dann fragte sie mich, ob ich Lust hätte, noch woanders hin zu gehen, H. wolle unbedingt noch in einen anderen Laden. Klar gehe ich mit. Auf dem Weg zurück in die Stadt stritten S. und H. sich darum, wohin es denn nun gehen sollte. S. verlor den Streit und wir fuhren ins Bahnhofsviertel, in eine beängstigend dunkle Ecke. Aber ich hatte ja drei Ex-Männer dabei, mir konnte also nix passieren.
Schon am Namen des Lokals ”Das Paradies – die Erlebnisgastronomie für sie und ihn” hätte mir auffallen müssen, dass es sich nicht um eine Teenie-Disco handelt. Ist mir aber nicht aufgefallen. Erstmal. Stefanie war das Ganze sehr unangenehm und sie sagte mir den ganzen Weg vom Parkplatz bis zu dem Laden, dass wir da nur hingehen, weil Hiltrud da unbedingt hin möchte und dass wir jederzeit wieder gehen könnten, wenn ich das wolle. Ich hatte ja keine Ahnung und fragte mich, warum S. sich so merkwürdig verhält. Ok, als wir die “Disco” betraten, wusste ich es: wir waren in einem Bumsschuppen. Da ich aber inzwischen auch schon knapp über 18 bin, war ich nur mäßig bis gar nicht schockiert. S. und ich setzten uns an einen Tisch, tranken Wein und unterhielten uns blendend. H. stromerte in dem Laden rum und die andere Freundin von S. war ins Gespräch mit anderen Gästen vertieft. Als S. und ich zu vorgerückter Stunde beschlossen, dass wir nun nach Hause gehen wollten, sahen wir uns nach H. um und konnten sie zuerst nicht finden. Das lag daran, dass H. sich nicht mehr in Augenhöhe befand. Sie hatte sich ihres knallpinkfarbenen Bigshirts entledigt (der Body, den sie über der Glanzleggings trug, machte die Sache nicht besser) und war gerade dabei auf allen Vieren am Boden kriechend, einer jungen Frau die Schuhe abzulecken. Das war der Punkt an dem mir der Appetit verging und ich ahnte, dass S.s Freundin nicht meine werden würde. Nix gegen Fetisch, jeder so wie er mag, damit habe ich kein Problem. Aber ich habe sehr wohl ein Problem damit, wenn mir die Entscheidung, ob ich bei den sexuellen Aktivitäten anderer Leute zusehen möchte oder nicht, quasi abgenommen wird. Man bedenke: ich war da nicht mit meinen langjährigen Freundinnen unterwegs (und auch denen möchte ich nicht beim Sex zusehen) sondern mit Leuten, die ich gerade mal seit ein paar Stunden kannte.
Was ich mich vielleicht hätte fragen sollen ist, warum H. unbedingt hierher gehen wollte, mit jemandem, den sie gerade erst kennen gelernt hatte und der zudem eine Arbeitskollegin (!) der besten Freundin ist. Ich fand das befremdlich, machte mir aber keine weiteren Gedanken darüber. Heute weiß ich, dass es sich dabei um eine bis dahin bereits mehrfach erfolgreich angewandte Strategie handelte, neue Bekanntschaften von Stefanie möglichst schnell in die Flucht zu schlagen. Damals wusste ich das nicht und blieb.